26/08/06 - Artikel - Neue Dienstleistung von Bihl+Wiedemann: Zertifizierung kompletter AS-Interface-Kreise




Neue Dienstleistung von Bihl+Wiedemann:

Zertifizierung kompletter AS-Interface-Kreise


Fig.1: Das Zertifikat für einen kompletten AS-i-Kreis: aktiver Beitrag zur vorbeugenden Wartung
AS-Interface ist und bleibt die einfachste Vernetzung in der Automatisierung. Es ist dazu so konzipiert, dass Selbstkonfiguration, Interoperabilität und Kompatibilität es erlauben, ein Netz einfach, sicher und schnell aufzubauen, in Betrieb zu nehmen und im Dauerlauf zu betreiben. Der Master überwacht den Betrieb und korrigiert automatisch einzelne mögliche Telegrammfehler, meldet verlorene Slaves und nimmt sie oder einen Ersatzslave automatisch wieder auf.

Das ist die Theorie und sie stimmt. Ein AS-Interface-Kreis zeichnet sich gewöhnlich durch eine sehr hohe Funktionssicherheit aus (Bild 1). In der Praxis gibt es trotzdem Fälle, in denen man mögliche Fehlerquellen noch über diesen Standard hinaus absichern möchte. Meist handelt es sich dabei um Maschinen oder größere Anlagen, deren zeitweiser Stillstand hohe Kosten oder einen schwierigen Wiederanlauf auslösen würde. Oder man möchte beispielsweise bei dem Prototypen einer Serie genauer als gewöhnlich wissen, „was Sache ist“ und damit teure Serviceeinsätze vermeiden.

Für diese Fälle bietet Bihl+Wiedemann jetzt die Zertifizierung kompletter AS-Interface-Kreise an. Der Auftraggeber erhält dabei neben dem Zertifikat (als Zeichen der Funktionssicherheit) einen Prüfbericht, der den Zustand des oder der Kreise detailliert beschreibt.



Nutzen:

Das Ziel der Zertifizierung ist weniger die Aufdeckung akuter Fehler (die sind eher selten) als vielmehr die Absicherung einer hohen Verfügbarkeit. Das ist durchaus vergleichbar mit der TÜV-Prüfung eines Autos oder eines Bauwerks. Im einzelnen gewinnt der Auftraggeber damit:
  • eine Dokumentation des Anlagenzustands mit Identifikation der Slaves,
  • Sicherheit über den einwandfreien Aufbau und Betrieb seines AS-Interface-Netzes,
  • Sicherheit einer hohen zukünftigen Verfügbarkeit,
  • gegebenenfalls Hinweise auf Schwachstellen, die sofort oder bei einer späteren Wartung beseitigt werden sollten,
  • die Information, wie und an welchen Komponenten Verbesserungen vorgenommen werden könnten.



Gründe für die Zertifizierung von Netzen:

Wiederholung und Fehler?
Bei AS-Interface muss deutlich zwischen „Wiederholung“ und „Fehler“ unterschieden werden. Hat der Empfänger in Master oder Slave durch impedanzbedingte Deformation der Signale oder durch externe Störungen Schwierigkeiten, ein Telegramm zu erkennen, so bedeutet das NICHT, dass falsche Daten zur Steuerung gelangen könnten dazu ist AS-Interface zu gut abgesichert. Was passiert, sind Wiederholungen einzelner Telegramme (die den einzelnen Zyklus jeweils nur um 150 µs verlängern). Solche Wiederholungen sind in geringem Umfang völlig normal und ungefährlich. Schaffen auch mehrere Wiederholungen keine Abhilfe, so wird der betreffende Slave solange aus der Konfiguration genommen, bis der Master die Kommunikation mit diesem Slave wieder aufnehmen kann. In diesem Fall erfolgt verpflichtend eine Fehlermeldung des Masters und je nach Maschinenkonzept ein Anlagenstopp — die Verfügbarkeit sinkt.
Nochmals: In vielen Fällen ist eine Zertifizierung der AS-Interface-Kreise nicht notwendig. Sie ist kein „must“, sondern eine zusätzliche, oft kosteneffektive Maßnahme zur Sicherung der Anlagenverfügbarkeit.

Es gibt aber eine Reihe von Gründen, das „plug and play-Konzept“ von AS-Interface in diesem Sinne etwas aufzuweichen:
  • Einige Fehler im Aufbau einer Anlage können vom Netzwerkmanagement des Masters grundsätzlich nicht erkannt werden oder der einzelne Master ist dazu nicht in der Lage: ungünstige Verlegung der Leitung, Überlänge der Leitung, Wackelkontakte an Verbindungsstellen, zu großer Spannungsfall im Netz, Komponentenalterung, fehlerhafte Verlegung der Funktionserde, Erdschlüsse oder Doppeladressierungen1.
  • In der Praxis werden (leider) oft Komponenten verwendet, die nicht von der Nutzerorganisation zertifiziert2 wurden. Erfahrungsgemäß weichen sie oft von der AS-Interface-Spezifikation mehr oder weniger deutlich ab. Dann ist die Interoperabilität gefährdet. Selbst wenn ein Netz dann äußerlich noch sauber arbeitet, können im Hintergrund Störungen auftreten, die die Verfügbarkeit einer Anlage verändern oder sie anfälliger für Störungen machen.
  • Einzelne Slaves können durch Fertigungs- oder Einbaufehler defekt sein.
  • Die Unempfindlichkeit von AS-Interface gegenüber EMV-Störungen beruht unter anderem auf der Tatsache, dass gestörte Telegramme sicher erkannt und mit geringem Zeitverlust mehrmals wiederholt werden. Telegrammwiederholungen sind daher in gewissem Umfang erlaubt und beeinflussen kaum die Zykluszeit (s. Kasten). Der Anwender bemerkt davon in der Regel nichts. Die Kehrseite der Medaille: Ist der Untergrund an Wiederholungen zu groß, so kann ein kleines Plus an Störung zur Überschreitung des erlaubten Limits und zum Anlagenstopp führen. Die Netzzertifizierung erkennt unbemerkte Störungen, sucht nach ihren Ursachen, erhöht die Sicherheitsreserven insbesondere im Hinblick auf EMV-Störungen und steigert damit deutlich die Verfügbarkeit einer Anlage.
  • Zunehmend werden komplexere Slaves eingesetzt, die für die Übertragung eines Wertes mehrere AS-Interface-Zyklen oder Daten aus mehreren Slaves (Slaveadressen) benötigen. Sie sind grundsätzlich genauso gut gegen mögliche Datenfehler abgesichert wie einfache Slaves. Aber die Wahrscheinlichkeit, durch sonst harmlose Wiederholungen längere Übertragungszeiten zu erhalten, steigt bei diesen Slaves. Daher besteht auch hier ein Interesse daran, das Netzwerk besonders stabil laufen zu lassen.
  • Ähnliches gilt für die Übertragung sicherheitsgerichteter Signale (Safety at Work). Hier wird die Sicherheit einer Anlage durch das Konzept und die Komponenten immer gewährleistet. Aber um in einer gefährlichen Situation schnell abschalten zu können, wurde die Zahl der erlaubten Wiederholungen bei Safety at Work bewusst herabgesetzt: Ein Netz wird bereits nach zwei statt nach drei vergeblichen AS-Interface-Zyklen gestoppt. Hier setzt die Netz-Zertifizierung an: Sie deckt verborgene Telegrammwiederholungen auf. Die Verfügbarkeit der Anlage steigt.
  • Mit der zunehmenden Sicherheit im Umgang mit AS-Interface wurden berechtigter Weise einige Grundregeln von AS-Interface allgemein etwas aufgeweicht: Busabschluss und Tuner erlauben viel längere Netze als 100 m; sogar Slaves, die etwas außerhalb der Spezifikation liegen, können teilweise kompensiert3 werden. Das ist nach neueren Überlegungen sehr wohl zu akzeptieren, muss dann aber überprüft4 werden. Die Zertifizierung eines solchen AS-Interface Kreises, liefert diese Funktionsprüfung.
  • Einige Hersteller wollen für ein Netz nur dann Verantwortung übernehmen, wenn keine Fremdgeräte enthalten sind. Das ist absolut gegen den Geist von AS-Interface, der die Interoperabilität aller Geräte von unterschiedlichsten Hersteller fordert. In solchen Fällen kann mit der Netzzertifizierung sehr einfach der Nachweis einer einwandfreien Funktion angetreten werden.


Durchführung:

Bild 2: Zertifzierungsprüfungen
Die Zertifizierungsmessungen werden von Mitarbeitern von Bihl+Wiedemann mit eigenem Equipment durchgeführt (Bild 2). Die Prüfung erfolgt unabhängig vom Hersteller der verwendeten Geräte. Sind die Ergebnisse aller Einzelprüfungen erwartungsgemäß, so wird das Zertifikat ausgestellt. Es besagt, dass der untersuchte Kreis in der vorgegebenen Umgebung zum Zeitpunkt der Messung einwandfrei arbeitete und dass er voraussichtlich auch in Zukunft weiterhin sauber arbeiten wird.

Der AS-Interface-Kreis braucht für die Prüfungen nicht abgeschaltet zuwerden — genauer: Er darf gar nicht gestoppt5 werden, damit die Prüfung unter Betriebsbedingungen erfolgt. Das ist nicht nur für den Betreiber der Anlage wichtig, der oft seine Fertigung störungsfrei weiterlaufen lassen will. Vielmehr sichert dies realistische Aussagen und den hohen Anspruch, den Bihl+Wiedemann an ein Zertifikat stellt. Ein Zertifikat wird also grundsätzlich nur dann erteilt, wenn die Prüfung unter diesen Voraussetzungen erfolgen kann.

Eine Zertifizierung unfertiger AS-Interface-Kreise wäre Augenwischerei und wird nicht durchgeführt. Selbstverständlich können aber die gleichen Methoden auch auf Kreise, die sich noch im Aufbau befinden, angewandt werden. Dann stehen gewöhnlich Fehlersuche und -beseitigung im Vordergrund. Da die Daten aller Geräte und aller Telegramme im Kreis sichtbar gemacht werden können (Bild 3), können in diesem Fall nicht nur der eigentliche AS-Interface-Kreis, sondern die gesamte Peripherie bis zu den Sensoren und Aktuatoren überprüft werden. Das bedeutet für den Test einer neuen Anlage, dass Peripherie und AS-Interface-Kreise getrennt von einem übergeordneten System und vom Applikationsprogramm geprüft werden eine wesentliche Erleichterung für den Anlagenbauer, insbesondere beim modularen Aufbau einer Maschine. Läuft bereits die Applikation auf der Anlage, so wird bei Bedarf zusammen mit dem Auftraggeber auch nach Optimierungspotenzialen für der Maschine gesucht.


Bild 3: Im Fehlerfall kann jedes einzelne Telegramm dargestellt werden.





  1. Erdschlüsse und Doppeladressierung werden von den neuen Mastern von Bihl+Wiedemann nachgewiesen.
  2. Die offizielle Zertifizierung der Nutzerorganisation basiert auf einer externen Baumusterprüfung der einzelnen Komponenten. Sie war von Anfang an technisch anspruchsvoll, um Interoperabilität und Kompatibilität im System zu sichern. Sie hat in diesem Sinn keine Marketingaufgabe, sondern eine oft unterschätzte technische Funktion.
  3. AS-i XXL mit dem AS-i-Tuner
  4. So wird AS-Interface fit für die Langstrecke: Neue Möglichkeiten mit dem „Advanced Repeater“.
  5. Das hat zwar zur Konsequenz, dass Doppeladressierungen nicht überprüft werden können, aber dieser Fehler ist bei einer sorgfältig aufgebauten Anlage im Betrieb auch nicht mehr zu erwarten.

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